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7. Mai 2024: Mai-Mischung

Manchmal ist es gar nicht so einfach, in einem Tanzprogramm ein verbindendes Element zu finden, nach dem man einen Blog-Eintrag benennen könnte. Heute abend haben wir Tänze aus Schottland, England, Kanada, und den Vereinigten Staaten; vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart; aus einer bunten Mischung von Quellen … aber Spaß gemacht haben sie alle, und das ist ja auch schon was wert.

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Nach dem Aufwärmen eröffnen wir den Abend mit dem Dashing White Circle – auch das wieder ein netter Ceilidh-Tanz, wenngleich nicht ganz so zeitlos populär wie seine Inspiration, der The Dashing White Sergeant, aber mit etwas dünnerer Personaldecke besser tanzbar. Musikaufnahmen dafür gibt es zahllos viele; wir greifen heute auf eine der Ceilidh-Band Da Fustra von den Shetland-Inseln zurück, immer eine sichere Bank.

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Es folgen eine Skip-Change-Übung – wir tanzen Schlangenlinien um eine lange Reihe von Gummipunkten, mit Phrasing und Covering – und danach Mrs Grace Bowie, einer von zahllosen Tänzen von John W Mitchell. Gelegenheit, das vorher Geübte anzuwenden! John Mitchell (1931–2013) ist der produktivste Tanz-Erfinder der Schottentanzgeschichte; die Datenbank schreibt ihm 830 Tänze zu, von denen die allermeisten aber nicht besonders bekannt sind. Seine Tochter Alison – aktuell als Astrophysikerin an der Uni Erlangen – und Viktor Lehmann aus Heidelberg haben es sich zur Aufgabe gemacht, John Mitchells Tanzbücher kritisch durchzusehen und mit Diagrammen und ggf. Korrekturen neu zu veröffentlichen, ein Projekt, das sie wahrscheinlich noch eine Weile beschäftigen wird. Interessant wird die Sache nicht zuletzt dadurch, dass nicht alle diese Tänze tatsächlich mit Menschen ausprobiert wurden und bei einigen die Tanzbarkeit zumindest als “grenzwertig” bezeichnet werden muss. Aber nicht hier – der Tanz ist auch noch aus einem der früheren Bücher und daher noch eher auf dem Boden der Tatsachen angesiedelt als andere.

Adam Rennie
Adam Rennie (Box & Fiddle)
Über die Namensgeberin wissen wir nicht viel außer dass sie Adam Rennie (1897–1960) zu dem gleichnamigen Jig inspiriert haben muss. Rennie war im Zivilleben lange Jahre Inhaber eines Tabak- und Zeitschriftenladens in Coupar Angus, und Mrs. Bowie lebte wohl auch dortselbst. Als junger Mann hatte Rennie Geige spielen gelernt, nicht zuletzt von dem berühmten “Dancie” Reid aus Newtyle, und war schon ein gefragter Geiger in der Gegend, als er 1916 zu den 5th Gordon Highlanders kam und an die Front musste. 1918 wurde er verwundet und kam in deutsche Kriegsgefangenschaft, und es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder nach England kam und nicht mehr von Krankenhaus zu Krankenhaus weitergereicht wurde; die Angelegenheit kostete ihn schließlich ein Bein. 1920 eröffnete er seinen Laden in Coupar Angus, den er bis 1958 betreiben würde, und wurde später Mitglied der beliebten Band Angus Occasionals. 1949 gründete Adam Rennie zusammen mit dem Pianisten George Robertson, dem Kontrabass-Spieler Jock White und einem damals neunzehnjährigen Bobby Brown, den Rennie als Preisrichter bei einem Akkordeon-Wettbewerb “entdeckt” hatte, sein berühmtes “Quartett”, mit dem er auch im Radio auftrat und Schallplatten aufnahm. Selbst die königliche Familie lud ihn ein, auf Schloss Balmoral zu spielen. Adam Rennie war dafür bekannt, auf einem präzisen Tempo zu bestehen, und wenn es während eines Tanzes zu Abweichungen kam, stampfte er so lange im Takt mit seinem “Holzbein”, bis die Band sich wieder angepasst hatte. Er war kein ungeheuer produktiver Komponist, aber seine Stücke – vor allem die Reels – sind für das geübte Ohr leicht zu identifizieren.

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Der nächste Tanz, The Three Creeks Shore, kommt aus dem Nordosten von Schottland – Aye Afloat - Portknockie Collection ist eine Sammlung von 12 Tänzen von Margaret Zadworny mit passender Musik von Muriel A Johnstone.

Der Bow Fiddle Rock
Der Bow Fiddle Rock
Portknockie ist ein Dorf am Moray Firth, das im 19. Jahrhundert durch die Heringsfischerei an Bedeutung gewann. Bis in die 1930er war es der Heimathafen einer großen Flotte von Fischerbooten, und am Three Creeks Shore wurden zwischen 1883 und 1905 viele davon aus Holz gebaut. Heute sind unter den rund 1200 Einwohner:inne:n von Portknockie aber nur noch wenige kommerzielle Fischer, obwohl der Ort bei Sportfischern beliebt bleibt. Eine bekannte Landmarke ist der Bow Fiddle Rock, ein Quarzit-Felsen vor der Küste mit einem natürlichen Steintor, das (mit einer gehörigen Menge an Fantasie) ein bisschen an einen Geigenbogen erinnert. An der Steilküste nisten diverse Seevögel, etwa Möwen und Kormorane.

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Wir springen über den Atlantik nach Kanada und zu The Fireside Lounge von Tim Harrison aus San Pedro, Kalifornien, erschienen in der T.A.C. 50th Anniversary Collection. Die “Fireside Lounge” war der Ort, wo während der Summer School 2000 der Teachers’ Association (Canada) (T.A.C.) an der St. Jerome’s University in Waterloo, Ontario die “after parties” abgehalten wurden. Die Tanzbeschreibung erklärt, dass Leute in der Lounge ankommen, sich einer Gruppe für ein Schwätzchen anschließen, dann weitergehen zu einer anderen und so weiter – nach einer Idee von Karen Baisden aus Seattle (Washington). Der Tanz, für fünf Paare, ist sehr nett und nicht besonders schwierig – ungewöhnlicherweise fangen das erste und das fünfte Paar an. Interessant sind die Meanwhile-Figur auf die Takte 17–25 und die ausgefallene Progression. Und der Tanz enthält Achten!

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Ebenfalls aus Kanada stammt Prince Edward Assembly von Brenda Porter, veröffentlicht in Spark O' Water, einer Sammlung von Tänzen aus Nova Scotia. Es ist mal wieder ein 88 Takte langer Reel im Square Set – über dieses Genre haben wir ja neulich ein wenig philosophiert, als es um The Unicef Circle ging.

Was stimmt hier nicht? (Charlottetown, PEI)
Was stimmt hier nicht? (Charlottetown, PEI)
Der Name des Tanzes verweist auf Prince Edward Island, die nach Fläche und Einwohnerzahl kleinste (aber am dichtesten bevölkerte) Provinz Kanadas, bekannt durch Lucy Maud Montgomerys (1874–1942) klassische Kinderbuchreihe von Anne auf Green Gables (11 Bände und ein posthumes Prequel, daneben diverse Adaptionen für Theater, Musical, Film und Fernsehen und inzwischen ein Themenpark in Cavendish, PEI) und die legendäre Cows Creamery in Charlottetown, der Hauptstadt, Heimat des besten Speiseeises in Kanada (laut Reader’s Digest) und einer der Top-10-Plätze für Eis auf der Welt (laut Tauck World Discovery). Marie und ich haben keine Aktien, aber können die Qualität des Eises aus eigener Erfahrung bestätigen. Die über 32 Geschmacksrichtungen haben putzige Namen wie Gooey Mooey und Wowie Cowie; es gibt auch kuhbasierte Merchandising-Artikel (wir haben zum Beispiel eine “Dr. Moo”-Tasse komplett mit TARDIS) sowie Käse und Butter. Die Eisdielen sind inzwischen eine Kette und auch anderswo in Kanada vertreten – nicht ganz so verbreitet wie Tim Hortons, wo man ja in der Regel, wenn man vor der Tür steht, in beide Richtungen den nächsten sehen kann, aber zumindest in Touristenmetropolen wie in Banff (Alberta).

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Aging Gracefully aus RSCDS-Book 47 kommt von Carlyn Bromann aus Chicago (USA) und ist “allen früheren und gegenwärtigen Mitgliedern der RSCDS” gewidmet. Wir wissen nicht, ob der Titel sich nur auf die Mitglieder bezieht oder auch (leise ironisch) auf die Society selbst, denn deren größtes Problem ist bekanntlich die Überalterung bzw. der Schwund von Mitgliedern durch Ableben. Auch wenn das neue Mitgliedsjahr erst im Juli anfängt, können wir nur alle Tänzer:innen ermutigen, der Society beizutreten (in Deutschland etwa über die RSCDS Central Germany Branch), denn neue Mitglieder werden dringend benötigt! Die Society kümmert sich um die Lehrer:innen-Ausbildung und die Aufrechterhaltung der weltweiten Standards (unter anderem), und es wäre extrem doof, wenn sie an Mitgliedermangel eingehen würde.

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Der letzte Tanz an diesem Abend, Maxwell's Rant, ist ein alter Klassiker aus den Tiefen des RSCDS-Repertoires (Buch 18, um genau zu sein, erschienen 1955) und gutes Beispiel für die Reels of Three erst auf der anderen und dann auf der eigenen Seite (siehe Takte 1–16). Der Volksmund nennt solche Reels gerne “The Gates of Edinburgh-Reels”, nach dem Tanz in Buch 15, aber das ist ein bisschen irreführend, da dort eigentlich eine ungewöhnliche Sonderform vorkommt – Maxwell’s Rant ist viel eher die “Reinkultur” der Figur. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Society sich bei ihren Tanz-“Rekonstruktionen” auch an den Gedanken gewöhnt, dass Reels of three spiegelbildlich sein können; früher dachte man für eine Weile, alle Reels of three seien rechtsschultrig, und das führte dann zu Absonderlichkeiten wie in Cadgers in the Canongate (dazu vielleicht ein andermal mehr).

Maxwell’s Rant erschien erstmalig 1750 in einer Sammlung von David Rutherford. Die Maxwells waren in Schottland eine ausgedehnte Familie seit vor dem 13. Jahrhundert, und ihr Stammsitz, Caerlaverock Castle in Dumfries, ist vielleicht nicht Plumpudding Castle, die “dreieckige Burg mit den dreieckigen Türmen” – den Älteren unter uns noch vertraut aus dem 1970er-Jahre-WDR-Kinderserienklassiker Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt nach dem Roman von Boy Lornsen –, aber dennoch das einzige dreieckige Wasserburggemäuer in Schottland (die Türme sind halt leider rund). In den 1750ern war die große Zeit der Maxwells allerdings vorbei; während sie in früheren Jahrhunderten dank gut überlegtem politischem Opportunismus in den ohnehin turbulenten Borders durchaus florierten, wurde William Maxwell, der 5. Earl of Nithsdale, als eifriger Jakobit in der Schlacht von Preston 1715 gefangengenommen und sollte als Verräter hingerichtet werden. Obwohl seine Frau ihn in Frauenkleidern aus dem Tower in London herausschmuggelte und die beiden nach Rom flohen, wo sie dem Old Pretender, James Edward Stuart, im Exil Gesellschaft leisteten, starb William dort 1744 und das war das Ende des Titels.

#NameTypeSetSource
1Dashing White CircleR321RR(unknown)
2Mrs Grace BowieJ323/4LMitchell: Whetherly 6
3The Three Creeks ShoreJ323/4LZadworny: Aye Afloat
4The Fireside LoungeS325/5LHarrison: TAC 50th Ann
5Prince Edward AssemblyR884SPorter: Spark O' Water
6Aging GracefullyS323/4LBromann: RSCDS XLVII
7Maxwell's RantR323/4LRutherford: RSCDS XVIII

Text: Anselm Lingnau · Fotos: wie angegeben